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Lychener Seen (April 2022)

Anfang April war es endlich so weit und wir packten unsere Sachen um nach Brandenburg zu fahren. Schon vor fast 1 3/4 Jahren hatten wir diesen Urlaub in einer Ferienwohnung in Lychen mit direktem Zugang zum Wurlsee gebucht. Von dort aus kommt man über das Wurlfließ in die anderen Lychener Seen, die alle miteinander verbunden und, zumindest anteilig, Motorboot-frei sind. Zwischen dem Nesselpfuhl und dem Oberpfuhl See gibt es einen Höhenunterschied, der über die Bootspassage „Mühle“ überwunden werden kann, die ein kleines Abenteuer zu sein versprach.

Nachdem es im März schon einige schöne Tage gegeben hatte, kippte die Wettervorhersage für die Zeit unseres Urlaubs leider noch mal – und sollte auch Recht behalten. Egal, wir packten Thermo-Unterkleidung und Trockenkleidung ein und die Kajaks aufs Dach. Bis zuletzt war da noch die Sorge gewesen, wir könnten uns direkt vorher mit Corona infizieren und statt in Urlaub zu fahren in häuslicher Isolation festsitzen, doch dann waren wir tatsächlich unterwegs. Ich hoffte auf Kraniche und, mit etwas Glück, vielleicht auch auf einen Seeadler. Vor allem aber freute ich mich auf entspannte Stunden auf dem Wasser, umgeben von Bäumen.

Die ersten Kraniche sahen wir schon weit vor unserem Ziel in leichtem Nieselregen auf einem Feld stehen. Die Kamera hatte ich mal wieder nicht in Reichweite, blöder Fehler. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft legten wir noch einen Zwischenstopp ein um die Angelkarte für meinen Mann zu besorgen und schließlich waren wir am Ziel. Beim Aussteigen hörte ich Kraniche, es klang, als seien sie ganz in der Nähe – und tatsächlich: sie standen auf dem Feld gegenüber unserer Unterkunft. Diesmal konnte ich schnell zur Kamera greifen.

Hier sind alle tierischen Helden meiner Kindheit vereint, die mich in den Tier-Erzählungen von Lothar Streblow, Andreas Fischer-Nagel und anderen über Jahre hinweg begleitet haben: Raku, der Kolkrabe; Ruscha, der Fischotter; Vier Welpen im Dachsbau; Die Fledermaus braucht Freunde; Eine Biberburg im Auwald und wie sie alle heißen. Erzählungen, die jeweils eine Tierart ins Zentrum stellen und sie in ihrem Lebensraum schildern.

Wurlsee – Wurfließ – Nesselpfuhl – Oberpfuhl See – Zenssee – Platkowsee

Unsere erste Tour führt uns vom Wurlsee durch das Wurlfließ in den Nesselpfuhl, von dort durch die Bootspassage „Mühle“ in den Oberpfuhl See, weiter in den Zenssee bis in den Platkowsee hinein. Als wir aufbrechen, frage ich mich einmal mehr, ob wir eigentlich verrückt sind. Es ist ziemlich windig und der Wind ist eiskalt. Die Wassertemperatur liegt bei 4 Grad, ohne entsprechende Schutzkleidung wäre es lebensgefährlich hier jetzt auf Tour zu gehen. Noch während wir uns orientieren, mein Mann seine Angeln ausbringt und noch bevor ich die Kamera in der Hand habe, fliegt ein Seeadler hoch über uns am Himmel. Einfach traumhaft!

Wir fahren durch das Wurlfließ, wo uns eine Nebelkrähe kritisch beobachtet, wir scheinen sie in ihrem Revier zu stören. Als wir auf den Nesselpfuhl kommen, höre ich den schrillen Ruf eines Eisvogels. Bevor ich ihn orten kann, zischt schon ein metallisch-blauer Blitz an mir vorbei. Ein paar Sekunden folgt ihm ein zweiter, der sich für einen Moment auf einem Zweig niederlässt. Wenigstens die Dorsalansicht kann ich im Bild festhalten.

Weiter geht’s zur Mühle und dort über das Rollensystem rüber in den Oberpfuhl See. Auf der anderen Seite der Mühle ist eine kleine Fußgängerbrücke, die Durchfahrtshöhe beträgt 80cm. Für unsere Sit-on-tops stellt das durchaus eine Herausforderung dar und wir müssen uns ordentlich zusammenklappen um drunter durch zu kommen.

Auf dem Oberpfuhl See begegnet uns gleich eine ganze Haubentaucher-Versammlung, mehr als 20 Vögel zählen wir, die sich wohl zur Gruppenbalz versammelt haben. Andere Haubentaucher sind dagegen schon paarweise unterwegs oder mit Brüten beschäftigt.

Zwischendurch regnet es, einmal mischt sich auch etwas Schnee dazwischen und den einen oder anderen Hagelschauer bekommen wir auch ab. Lange an einer Stelle zu verweilen, ist nicht drin, dafür ist der Wind zu stark und letztlich ist es auch, trotz Schutzkleidung, zu ungemütlich und kalt, wenn wir nicht in Bewegung bleiben. Auf dem Zenssee finden wir eine schöne Pausenstelle, direkt neben einem offensichtlich von Bibern bearbeiteten Baum. Überhaupt sind hier überall Biber-Spuren zu entdecken.

Vom Zenssee aus fahren wir noch weiter auf den Platkowsee. Am Übergang der beiden Seen brütet ein Haubentaucher-Pärchen im Schilf, so dicht an der Durchfahrt, dass wir ihnen leider zu nahe kommen und sie für einen Moment ihr Nest verlassen. Schnell fahren wir weiter, damit sie auf ihr Nest zurückkehren können.

Nach einer kleinen Runde auf dem Platkowsee machen wir uns auf den Rückweg. Am Ende unserer Tour sind wir ganz schön erschöpft. Die Strecke war eigentlich gar nicht so lang, aber der Wind und das kalte Wetter insgesamt haben Kraft gekostet. Wir genießen es, die Kajaks nur ein paar Meter über den Rasen zum Haus ziehen zu müssen und uns dann erst mal bei einem Cappuccino aufwärmen zu können.

Wurlsee – Nesselpfuhl – Großer Lychensee – Woblitz – Haussee

Nach unserer ersten Tour haben wir zwei Tage zur Regeneration benötigt. Die Zeit haben wir genutzt um Waldspaziergänge zu machen, wo wir Spuren von Dachs, Fuchs, Dammwild und Wildschwein gesehen haben und das „Kirchlein im Grünen“ besucht haben, eine kleine Holzkirche mit einer ganz besonderen Atmosphäre.

Auch zur Gedenkstätte des KZ Ravensbrück sind wir gefahren. Erschütternd und nachdenklich stimmend, ganz besonders auch in Anbetracht der aktuellen politischen Situation und des Ukraine-Kriegs.

Mit diesen Eindrücken im Kopf und im Herz brechen wir nun zu einer neuen Tour auf dem Wasser auf. Inzwischen hat sich das Wetter auch ein wenig verbessert, der Wind hat deutlich nachgelassen und es gibt so gut wie keinen Niederschlag.

Zunächst fahren wir vom Wurlsee aus wieder durch das Wurlfließ in den Nesselpfuhl, schlagen dann aber den Weg zwischen den Bootsgaragen hindurch zum Großen Lychensee ein. Da sind sie wieder: große offene Wasserflächen… Zum Glück gibt es genug zu sehen, was mich ablenkt: Haubentaucher, Gänse, verschiedene Enten und: Kraniche, die von einer der Inseln im See aufsteigen. Auf dem Großen Lychensee sind auch motorisierte Boote erlaubt, was im Vergleich zu der Ruhe auf den motorboot-freien Seen eher störend ist.

Unseren eigentlichen Plan, in den Mellensee zu fahren, müssen wir verwerfen, da die Zufahrt zum Mellensee während der Brutzeit auch für muskelkraftbetriebene Wasserfahrzeuge gesperrt ist. Also nehmen wir die Alternativroute und fahren auf der Woblitz mit einem kleinen Abstecher in den Moddersee bis in den Haussee, wo wir in der Nähe von Himmelpfort eine Pause machen.

Auf der Woblitz werden wir zunächst von einem Hausboot überholt, treten dann ein bisschen stärker in die Pedalen, holen auf und setzen unsererseits an, das Hausboot zu überholen. Letztlich drehen wir dann doch vorher schon ab in den Moddersee.

Immer wieder sehen wir Eisvögel, aber sie sind sie unglaublich schnell, dass mir keine Aufnahme gelingt. Dafür habe ich immer wieder verschiedene Greifvögel vor der Kamera – und irgendwann lerne ich auch noch mal, sie zu bestimmen.

So schön und beeindruckend die Tour ist, sind wir uns doch einig, dass die motorboot-freien Seen einen ganz besonderen Charme haben. Damit ist auch klar: unseren letzten Tag auf dem Wasser werden wir noch mal auf Oberpfuhl See und Zenssee verbringen und dort die Ruhe genießen.

Wurlsee – Wurlfließ – Nesselpfuhl – Oberpfuhl See – Zenssee

Als der Wecker morgens um halb 5 klingelt, zeigt das Thermometer -3 Grad. Bis wir aufbauen, ist es immerhin schon zwei Grad wärmer geworden. Leichter Reif überzieht unsere Kajaks und das Wasser, das von unserer Tour am Vortag noch in den Löchern für die Routenhalter ist, ist gefroren. Wir müssen wahnsinnig sein. Egal. Es ist ziemlich windstill und verspricht ein sonniger Tag zu werden. Vom Feld gegenüber hören wir das Trompeten der Kraniche.

Gut eingepackt in mehrere Schichten Thermo-Unterkleidung und Trockenanzug bzw. Trockenjacke und -hose machen wir uns auf den Weg. Die Sonne scheint auf die noch leicht von Frost überzogenen Zweige der Bäume entlang des Wurlfließ und die Nebelkrähe ist wieder da um mit kritischem Blick unsere Durchfahrt durch ihr Revier zu überwachen. Auf dem Nesselpfuhl will mein Mann ein paar Stellen beangeln, während ich einen Schilfgürtel ansteuere, vor dem ein Schwan patrouilliert. Meine Vermutung, dass irgendwo im Schilf ein Nest ist, bestätigt sich und ich beobachte, wie der Schwan ganz behutsam den Rand des Nestes ausbessert, trockenes Gras und Schilfstückchen mit dem Schnabel aufnimmt und sorgfältig verteilt. Irgendwann wird meine Anwesenheit dem Schwan zu viel und er kommt mit aufgepflustertem Hals-Gefieder und aufgestellten Flügeln auf mich zugeschwommen. Mit einem Schwan möchte ich mich nicht anlegen, also lege ich bei meinem Kajak den Rückwärtsgang ein und gleite langsam einige Meter zurück. Das scheint ihn zunächst zu beruhigen, er dreht von mir ab, setzt sich aber vor mich und versucht offensichtlich, mich von seinem Nest wegzulocken. Ich folge ihm mit einigem Abstand, wobei er sich immer wieder umdreht, als wolle er sicher sein, dass ich ihm folge. Nach einer Weile sind wir seiner Ansicht nach wohl weit genug weg vom Nest, nun kommt er auf mich zu, wohl um mich genauer zu betrachten. Ich plätschere ein wenig mit den Fingern im Wasser, was er interessant zu finden scheint und so nah an mich herankommt, dass ich ihn anfassen könnte. Vorsichtig klopfe ich mit einem Finger aufs Kajak. Und der Schwan klopft anschließend mit seinem Schnabel auf die gleiche Stelle. Dann zupft er noch ein wenig an meinem Halteseil, das etwas über den Rand des Kajaks hinaus hing. Schließlich scheint seine Neugier fürs erste befriedigt und er macht sich auf den Weg zu meinem Mann um ihn ebenso zu inspizieren wie mich. Inzwischen ist es auch Zeit für ein kleines (zweites) Frühstück und wir teilen unser Brot mit dem Schwan. Er holt sich die Stückchen ganz vorsichtig direkt von der Hand. Nach einer Weile zieht er wieder zurück zu seinem Nest und wir fahren weiter zur Bootspassage und von dort auf den Oberpfuhl See.

Dort beobachten wir erneut eine größere Gruppe Haubentaucher beim Balzen, ein toller Anblick! Wir steuern die Pausen-Stelle von unserer ersten Tour an, dort sitzen wir windgeschützt und genießen die wärmende Mittagssonne. Ein Schmetterling lässt sich erst auf meiner Hand, dann in meinem Gesicht nieder, bevor er auf den schwarzen – und dadurch entsprechend sonnenwarmen – Trockenanzug meines Mannes umzieht. Hinter uns bauen die Waldameisen weiter fleißig an ihrem Ameisenhügel. Diesmal haben wir einen kleinen Gaskocher dabei und gönnen uns noch einen Cappuccino, bevor wir den Rückweg antreten. Immer wieder hören wir Kraniche rufen, meist sind sie aber nicht zu sehen. Dann zieht doch noch einer am Himmel über uns hinweg.

Kurz bevor wir wieder an der Bootspassage ankommen, sehen wir noch mal eine Gruppe Haubentaucher. Einer von ihnen hat eine kleine Maräne gefangen, die – Kopf zuerst – hinuntergeschluckt wird.

Dann geht es auch schon ein vorerst letztes Mal durch die Bootspassage und zurück Richtung Wurlsee.

Nach zwei Tagen zuhause buchen wir „unsere“ Unterkunft erneut, für den Herbst 2023. Ich freue mich jetzt schon auf die nächsten Touren auf den Lychener Seen!